Fremdbestimmt, die neue Konzertreihe von Matthias Lorenz in den Jahren 2020 bis 2025.

Fremdbestimmt bedeutet:

An der bewährten Form des Solokonzertes mit Kommentaren zu den Stücken hingegen wird sich nichts ändern.

Die 6 Themen und der jeweils zuständige Komponist:
Eine Aufteilung auf die Jahre ist hier noch nicht vorgenommen. Zu jedem Thema gibt es einen kurzen Text von mir, im Laufe der Zeit wird er durch Texte der Komponisten und ihre Programme ergänzt.


Politik/Gesellschaft (Nikolaus Brass)

Homepage Nikolaus Brass

Zu Recht behaupten Viele, dass Kunst, und damit auch Musik, immer politisch ist. Genauso zu Recht wird aber in Frage gestellt, ob es Musik möglich ist, durch Musik eine eindeutige (politisch-gesellschaftliche) Botschaft zu vermitteln. Rechte und linke Rockmusik etwa unterscheiden sich mehr durch ihre Texte, als die eigentliche Musik.

Wie sehr kann es Neuer Musik trotzdem gelingen, politische Prozesse aufzugreifen? Gibt es Stücke, die bestimmte Fragestellungen eindeutig formulieren oder von denen sich Musiker sicher sind, dass die Besonderheiten eines Werkes deutlich Fragen in Richtung Gesellschaft und Politik stellen? Unterscheidet sich Musik "politischer" Komponisten (wie Nono, Nikolaus A. Huber, Henze) aus diesem Grund von der ihrer Kollegen?


Wirtschaft (Stefan Streich)

Homepage Stefan Streich

In unserer Gesellschaft leben Musiker (es sei denn, sie haben aus anderen Quellen ausreichende Mittel zur Verfügung) im Rahmen des Kulturbetriebes. Die Auswahl von Kompositionsaufträgen, von gespielten Stücken und Programmkonzepten ist nicht zuletzt immer auch von wirtschaftlichen Fragen abhängig. Bis hin zur Frage, ob alle am Musikbetrieb Beteiligten dem einzelnen Projekt ausreichend Zeit widmen können oder wirtschaftliche Gründe sie zwingen, jedes Projekt anzunehmen, dass sich nur anbietet (und damit zu viel zu machen). Oder dem Aspekt, dass bestimmte Anfragen ein "Ja" erfordern, um den eigenen Ruf zu stärken oder zu erhalten, was wiederum auch finanzielle Konsequenzen hat.

So bieten sich (mindestens) zwei Felder, die in Musik reflektiert werden könnten: Wirtschaft als ein Gesamtgefüge einerseits, andererseits die spezifische Frage nach der wirtschaftlichen Abhängigkeit des eigenen Tuns.


Wissenschaft (Ian Wilson)

Die Wissenschaft ermöglicht es den Menschen, die Welt um uns herum zu verstehen. Die Wissenschaft gibt uns die Werkzeuge, um einen Sinn darin sehen, wie wir und die Welt funktionieren. Sie zeigt, wo wir herkommen, wie alles begann - in der Tat, die Wissenschaft sagt uns auch, wie alles enden wird [Idee erforscht in Wilson/Na kraju (am Ende)].

Die Wissenschaft deckt die Geheimnisse hinter den Prozessen des Lebens auf und gibt uns das Wissen, um diese Prozesse zu verstehen [Korać/Zerlegung // Mulvey/Syzygy (hat sowohl astronomische als auch biologische Bedeutungen)]. Wissenschaft selbst ist der Prozess des Erforschens und Erforschens, des Drängens um Grenzen zu durchbrechen und Neues zu entdecken [Saunders & Lim, Erkundungen des Instruments)]. Die Wissenschaft liefert uns weiterhin Fortschritte und Erfindungen, die das Leben besser, komfortabler und interessanter machen [spiegelt sich in Ueno/Age of Aircraft wider].

Mein Programm spiegelt all diese Aspekte der Wissenschaft wider und beinhaltet sogar eine Verbindung zu den literarischen und filmischen Genres (Science Fiction!) die wissenschaftliche Ideen aufgreifen und weit über die bisher bekannten Möglichkeiten hinaus fortschreiben [Lim/Invisibility].

(Ian Wilson)

Homepage Ian Wilson

Programm:

Im Mittelalter gehört Musik innerhalb der septem artes liberales ins Quadrivium, gemeinsam mit Mathematik, Arithmetik und Astronomie. Im Trivium stehen dem Grammatik, Rhetorik und Dialektik gegenüber. Erstaunlich ist das, weil es beim Trivium eigentlich um die - modern gesprochen - Geisteswissenschaften geht, die Musik aber zusammen mit Naturwissenschaften steht. Nach heutigem Verständnis hätte man die Einteilung eher anders vermutet.

In unserer Kultur sind Wissenschaft und Technik aneinander gekoppelt. Ist damit das Aufgreifen neuer Techniken auch eine Bezugnahme auf Wissenschaft? Ist das Hörbar-machen großer Datenmengen auch schon Musik? Lohnt es sich überhaupt, Wissenschaft in Musik einfließen zu lassen? Wo zeigt sich eine Verbindung von Musik und (Natur-) Wissenschaft in heutigen Stücken?

(Matthias Lorenz)


Ausdruck (Petr Bakla)

Homepage Petr Bakla

Kunst hat sicher mit Ausdruck zu tun. Bei Musik wird das gerne auf den Ausdruck von Gefühlen reduziert. Dabei kann Ausdruck ja sehr viel mehr bedeuten. Man kann einer Meinung Ausdruck verleihen und es gibt mathematische Ausdrücke, um nur zwei weitere Beispiele zu nennen.

Wie kann Musik das, Gefühle ausdrücken? Kann sie dabei präzise sein, oder bleibt sie in Allgemeinem stecken? Und was kann sie über Gefühle hinaus noch ausdrücken? Wie eindimensional ist die Idee des Gefühlsausdrucks möglicherweise?


Sound (Friedemann Schmidt-Mechau)

Homepage Friedemann Schmidt-Mechau

Wir alle haben eine Vorstellung davon, wie ein Cello klingt. Unabhängig davon, ob das Cello "vertraut" benutzt wird oder sogenannte neue Spielweisen eine Rolle spielen oder es als Experimentierfeld für bisher ungehört Klänge genutzt wird: Vielleicht gerade weil ich Cellist bin, bin ich immer wieder durch den Celloklang zu verführen.

Wo steht der Sound beim Komponieren beziehungsweise beim fertigen Stück? Ist er sozusagen die Oberfläche, die aus einer tieferliegenden Struktur resultiert? Oder ist er der Ausgangspunkt, der aus sich heraus eine bestimmte Struktur des Werkes gebiert? Gibt es Unterschiede zwischen Stücken, die vom Einen oder vom Anderen ausgehen - kann man das dem fertigen Stück überhaupt noch anhören? Kann der reine Klang zum Träger von Inhalten werden?


Werk/Prozess (Benjamin Schweitzer)

Der Gegensatz von "Werk" und "Prozess" darf durchaus hinterfragt werden. Jedes einzelne Werk ist immer auch Prozess: Sei es als Partitur (Werk1) aufgrund seiner Entstehungsgeschichte, die niemals "momenthaft" sein kann und immer Offenheiten und Verzweigungen enthält, auch wenn uns am Ende eine vermeintlich endgültige Version entgegentritt. Doch auch das Werk als klingendes Ergebnis der Probenarbeit (Werk2) ist zugleich abgeschlossen und Prozess. Viele besonders elaborierte, "werkhaft" vollendete Kompositionen sind in jahre- oder jahrzehntelangen Prozessen entstanden und damit nur eine Auswahl aus dem für die Komposition erstellten, verwendeten, ausgewählten und verworfenen Materialien, und jede noch so "prozesshaft" offen sich gebende Komposition ist (spätestens) im Augenblick ihrer Aufführung ein "Werk", auch wenn es sich im Falle etwa einer grafischen oder aleatorischen Komposition nie auch nur ansatzweise reproduzieren lässt.

Darüber hinaus ist jedoch das Werk im Sinne des Gesamtwerks einer künstlerisch tätigen Persönlichkeit (Werk3) seinerseits ein Prozess, der die komplette kreative Biographie umfasst und aus dem auch jedes wie auch immer zwingend ausnotierte und abgeschlossen erscheinende Einzel-Werk1 nur ein fragmentarischer Ausschnitt ist.

Auf dieser Dialektik beruht die Programmkonzeption. Sie enthält zunächst einmal jeweils zwei Stücke von den drei ausgewählten Komponistinnen, gewissermaßen als "Stichproben" oder "Abtastmomente" des gesamtwerklich-biographischen Kontinuums, als Ausschnitte aus dem Prozess, der sich als Werk3 manifestiert. Dabei schon mag sich möglicherweise der Eindruck einstellen, dass die zwischen den frühen und späteren Stücken des vermeintlich prozesshaft in einem großangelegten "Flow" komponierenden Scelsi größere Unterschiede bestehen als zwischen denen der eindeutiger einer "Werk"-Ästhetik zuzuordnenden Mamlok und Shapey. Dahinter verbergen sich aber noch weitere Nebenaspekte: Scelsi selbst sah sich als Wiedergeburt einer früheren Existenz, mithin seinerseits nur als Teil eines größeren Prozesses. Ursula Mamlok wiederum fand in Ralph Shapey den Lehrer, der sie am besten in jenes (sei es tatsächliche oder vermeintliche) Kontinuum einführen konnte, als das sich die abendländische Musik für uns darstellt, und das im Fall von Mamlok und Shapey über Wolpe, Schönberg, Busoni, Liszt, Beethoven, Bach bis zur frühen Vokalpolyphonie zurückreicht. Shapeys Krosnick Soli ist Teil eines musikhistorischen Prozesses, weil es auch auf die Interpretationsgeschichte, also auf den Werk2-Aspekt, veweist (und Joel Krosnick spielte wiederum die Uraufführung von Mamloks Composition).

Zudem kommen in den Stücken selbst verschiedene Aspekte der Idee von Prozessualität zum Tragen: in der Variationsform (bei Mamloks Fantasy Variations), in der Überlagerung dreier Ebenen oder Einzelwerke zu einem Dritten (in Shapeys Solo Duo Trio) und natürlich in Scelsis Werken, die durch ihre Gestalt postulieren, weder Anfang noch Ende zu haben, und doch natürlich in jeder Aufführung ebenso beginnen und enden müssen wie jede andere Komposition auch. Die Anspielung auf die Lebensalter in Scelsis Trilogia mag als weiterer Verweis auf Prozesse ebenso wie auf abgeschlossene Stadien verstehbar sein (im alten Rom vermochte man bekanntlich die Lebensalter sehr genau in Zwanzigerschritten zu unterteilen).

Die "Gebrauchsanweisung" für das Programm reflektiert all dies in ihrer Offenheit dahingehend, wie der Cellist mit den Werken und ihren Grenzen umgehen darf bzw. muss - von der strikt in eine Programmfolge mit Pause unterteilten konventionellen Konzertform bis zum durchgehenden Klangband, in dem sich Werkgrenzen nicht mehr unterscheiden müssen, ist alles möglich.

(Benjamin Schweitzer)

Homepage Benjamin Schweitzer

Programm:

Manche Musikstücke sind eindeutig als Prozess gedacht, andere klar als fertiges Werk. Trotzdem gibt es immer wieder Fälle, in denen etwas, das man für ein fertiges Werk hielt, doch noch verändert wird (kurz nach der Uraufführung oder auch Jahrzehnte später). Und von prozesshaft geplanten Werken gibt es gelegentlich so überzeugende Fassungen, dass sie Werkcharakter verliehen bekommen.

Gibt es den Unterschied zwischen Werk und Prozess überhaupt? Ist Musik als Kunst abseits von vorproduzierter Musik durch die Rolle des Interpreten nicht ohnehin immer Prozess, nie nur Werk? Und was ist mit dem Publikum, das einen Schritt im Prozess so hört, wie es auch ein fertiges Werk hören würde? Macht sich der Unterschied also außer im Programmhefttext bemerkbar? Und wenn ja wie?

(Matthias Lorenz)


Homepage Matthias Lorenz